Heimatverein Geldersheim e. V.
  Trachten
 


Die Entwicklung der Volkstracht in Unterfranken von 1850 bis 1997 am Beispiel von Geldersheim
 
Referat von Oliver Brust, Geldersheim, 1997
 
 
1. Was ist Volkstracht?
 
„Wer statt Tracht Kleidung sagt, unterstützt schon viele Irrtümer nicht!
 
Mit diesem Zitat aus Richart Reinhart’s Buch „Kleidung in einem fränkischen Dorf“ möchte ich meine Einführung zum Thema beginnen.
 
Denn was wir heute selbstverständlich als Tracht bezeichnen war früher, d.h. in der Zeit, als diese Kleidung noch getragen wurde lediglich Kleidung.
 
Sie wurde von einer sozialen Gruppe, den Bauern, getragen und war im Groben einheitlich.
 
So ähnlich wie wir auch heute zwischen festlicher und Arbeitskleidung unterscheiden, so gab es für die Generation meiner Urgroßeltern: Werktagskleidung für Feld und Stall, abgetragenere Stücke für Daheim, Kleidung für die „Werketogskirch“, Extrakleidung für die hohe Feiertage, für einfache Sonntage und all das noch einmal in den diversen Stoffqualitäten für die Trauerzeit.
 
 

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Daß für die Menschen von damals ihre Kleidung keine „Tracht“, sondern eben nur eine „Bekleidung“ war die sie von den Menschen aus anderen Gegenden, bzw. von Menschen aus der Stadt unterschied, dafür stehen die gewachsenen Ausdrücke: „baurische“ und „städtische Kläder“.
 
Da heute für die traditionelle Bauernkleidung der Begriff „Tracht“ vorherrschend ist, werde ich diesen im folgenden verwenden; wohlwissend, daß damit lediglich Kleidung gemeint ist.
 
Doch woher kommt überhaupt die unterschiedliche Kleidungsweise für jeden Stand?
 
Die Antwort dazu könnten die Kleiderordnungen geben, die in den einzelnen souveränen Fürstenhäusern und Grafschaften ihre Geltung besaßen und den verschiedenen Ständen, wie Adel, Bauern, Bürger etc. vorschrieben, was , welche Farben, welche Materialien getragen werden durften. Da es kein einheitliches Deutschland seit dem Mittelalter gegeben hat, sondern viele selbständige Herrschaftsgebiete, gibt es so viele verschiedene Trachtengebiete. Kleiderordnungen waren in Deutschland. seit dem 14. Jh. ein ständig wiederkehrender Teil der Gesetzgebung. Erst im 18. Jh. verloren sie an Bedeutung und die Bauernkleidung konnte prunkvoller und reicher an edlen Stoffen und Materialien werden.
 
Waren doch bis zum Beginn des 19. Jh. den Bauern nur grobe und meistens selbstgewebte Stoffe zugänglich, so änderte sich in der Frauen- und sogar Männerkleidung in einigen Bereichen die Stoffqualität. Materialien wie Samt, Seide, goldene Borten, etc. wurden von den umherziehenden Stoffjuden bezogen und in das Gesamtbild der Tracht integriert.
 


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Wintertracht um 1950
 
2. Tracht und Mode
 
Gerade durch diesen Sachverhalt gewann auch die Mode einen gewissen Einfluß auf die Bauernkleidung. Es gibt z.B. das Phänomen, daß die Bauern die Kleidung des Adels kopieren wollten, allerdings etwas abgewandelt, dem ländlichen Geschmack angepaßt und zeitversetzt. So finden wir z.B. in der Männertracht der ersten Hälfte des 19. Jh. die weißen Kniestrümpfe, die mit Strumpfbändern gehalten wurden, die Schnallenschuhe, das geknotete Halstuch und den Dreispitz aus der französischen Mode des Hofes im 17. Jh. Der blaue Gehrock mit den eckigen Schößen und dem Überschlagkragen ist auf die englische Mode des 18. Jh. zurückzuführen. Als anderes Beispiel dienen die Schinkenärmel und das Fischbeinkorsett aus dem frühen 19. Jh., denn diese finden wir in den „Körresklädern“ der Frauentracht aus unserem Jahrhundert wieder.
 
Wenn auch die Mode einen solchen Einfluß auf die Tracht hatte, so kann man diesen nicht mit den heutigen Modeerscheinungen vergleichen. Ein Wandel in der Tracht vollzog sich damals in Abschnitten von halben Jahrhunderten.
 
Heute kann es einem passieren, daß man sich in der sog. Modefarbe von vor 2 Jahren nicht mehr sehen lassen kann.
 
 
 
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3. Trachtengebiete in Unterfranken
 
Doch nun speziell zu den Trachtengebieten in Unterfranken.
 
Bei uns in Unterfranken gibt es drei große Trachtengebiete:
 
·      den Ochsenfurter Gau im Süden
·      den Bereich um Schweinfurt im Zentrum
·      und die Rhön und das Grabfeld im Norden.
 
Weitere kleinere Bereiche bilden das evang. Kitzingen und die Grafschaft Michelrieth im Spessart.
 
Wir Geldersheimer gehören zum Bereich um Schweinfurt. Die Tracht in diesem ganzen Bereich, der von Bad Kissingen bis Karlstadt reicht, wird häufig auch als „Geldersheimer Tracht“ bezeichnet, da wohl Geldersheim eine der ältesten und wohlhabendsten Bauerndörfer im Schweinfurter Gau war.
 
Die Entwicklung der Tracht, wie auch die Abstufungen war in den einzelnen Teilgebieten ähnlich.
 
 
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Hochzeitstracht um 1920
 
 
 

4. Entwicklung
 
Während die Männer die traditionelle Tracht bereits um 1850 ablegten und sich der städtischen Mode unterwarfen, entwickelte sich die Frauentracht bis 1997 [1] weiter.
 
 


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FrauenTracht 1850
 

 

Dieser Unterschied liegt wohl darin begründet, daß die Männer i.d.R. die geschäftlichen Dinge in der Stadt erledigten und sich somit früher dem städtischen Kleidungsverhalten anpaßten. Ein weiterer Grund könnte die gesellschaftliche Rolle der Frauen sein; denn eine solche grundlegende und finanzielle Entscheidung, wie die Umstellung von Tracht auf modernen Kleidung, konnte keine Frau alleine treffen.
 
Es gab zu jeder Zeit Abstufungen der Kleidung je nach Anlässen, genauso wie heute. Jedoch waren diese in früherer Zeit viel diffiziler als heute.
 
Hier erfolgte die Vorstellung der einzelnen Trachten durch die Mitglieder des Vereins f. Heimat- u. Brauchtumspflege Geldersheim.
  
  
5. Trachtler-Sein heute
 
Tracht ist nicht ein Kostüm das man nun einmal trägt, weil es eben schick ist, Tracht tragen heißt, sich zu den überlieferten Bräuchen seiner Heimat zu bekennen und sich so zu verhalten wie es Tradition und Anstand gebieten.
 
In unserem Dorf gibt es noch zwei Frauen, die seit ihrer Kindheit keine andere Kleidung als ihre Tracht getragen haben. Diese sind sog. „Baurische“; der Inbegriff für die lebendige Tracht.
 
Lebendige Tracht meint, daß die Tracht Gegenstand des gesamten Lebens ist, für Arbeit, Fest und Trauerzeit. Unsere Aktivität im Verein kann nur ein Bewahren, oft auch ein Aufbewahren der alten Kleidungskultur für bestimmte Anlässe sein. Die Entwicklung der einzelnen Formen der Tracht hat aufgehört, bzw. hört auf, wenn die letzten baurischen gestorben sind. Wir als modernen Menschen haben nicht das Recht die Tracht zu verändern, sie anpassen zu wollen an eine Zeit, in der es keine lebendige Tracht mehr gibt. Wir Trachtler bewahren daher die überlieferte Volkstracht wie sie zu ihrer Blütezeit getragen wurde.
 
Zwar nicht mehr im Alltag sondern bei bestimmten Anlässen, z.B. im Verein, an Kirchweih, als Mariabildmädli an Fronleichnam oder bei Familienfeiern (Hochzeit, Taufe, ...).
 
Der Wahlspruch vieler Trachtenvereine lautet deshalb:
 
„Sitt’ und Tracht der Alten, wollen wir erhalten!“
 
 

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[1] Bis zum Jahr 2000, denn 2000 Starb mit der „Göb’s Hilda“ die letzte Baurische in Geldersheim. (ergänzt Mai 2001)